Allein gegen den sächsischen Sumpf - Ein
Fahnder packt aus Christian Rohde und Ulrich Stoll, in der
Fernseh-Sendung Frontal21 vom 18.06.2007 15.600 Seiten Akten hat
das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz über kriminelle
Netzwerke im Freistaat zusammengetragen. Es geht um faule
Immobiliengeschäfte, Kinderprostitution, korrupte Politiker,
Staatsanwälte und Richter. Und es geht darum, was die sächsische
Regierung davon wußte. Viele der Vorwürfe basieren auf
Ermittlungsergebnissen des Leipziger Kommissariats 26, das bis 2003 für
Ermittlungen gegen die Organisierte Kriminalität zuständig war.
Dessen früherer Leiter, Kriminalhauptkommissar Georg Wehling, berichtet
exklusiv in Frontal21, dass Staatsanwaltschaft und Sächsisches
Landeskriminalamt seine Ermittlungen behindert hätten. Als Wehling und
seine Fahnder ein Netzwerk aus Kriminellen und Justizbeamten aufdeckten,
leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen die Fahnder ein. Wehling
erhebt einen schweren Vorwurf: »Es ging darum, uns mundtot zu
machen«, meint er heute. »Die Täter seien gewarnt
worden« Kriminalhauptkommissar Georg Wehling ist der Mann, den
Drogenhändler und Zuhälter in Leipzig fürchten müssen. Mit
einem Netz von Informanten in der kriminellen Szene ermitteln Wehling und sein
Team im Leipziger Rotlichtmilieu. Anfang 2002 entdecken die Fahnder ein
Kinderbordell. Im »Club Rose« werden Jungen zur Prostitution
angeboten. Doch als die Ermittler das Wohnhaus überwachen, verschwinden
die Täter plötzlich. »Die Vertrauensperson, die uns den Hinweis
gegeben hat, berichtete mit einem Mal, dass die angebliche Täterseite
gewarnt worden sei und dass jetzt die Wohnung leer ist«, sagt Wehling
Frontal21: »Die Täter haben sich abgeduckt.« Der
sächsische Verfassungsschutz hat einen Verdacht, wer die Täter
gewarnt haben könnte. In einem Dossier des Landesamtes für
Verfassungsschutz (LfV) vom 14. Juli 2006, das Frontal21 vorliegt, heißt
es: »Dem LfV liegt ein ernstzunehmender Hinweis vor, R. habe aufgrund
seiner guten Kontakte zu Personen des Leipziger Rotlichtmilieus
Tatverdächtige über geplante bzw. laufende operative Maßnahmen
der Strafverfolgungsbehörden informieren lassen.« Nachfragen von
Frontal21 bei Staatsanwalt R. zu den Vorwürfen blieben bislang
unbeantwortet. Ende der 90er Jahre hatten Wehling und seine Kommissare erstmals
dubiose Verbindungen des Rotlichtmilieus zu Justizkreisen entdeckt. Richter N.
hatte den Betreiber eines anderen Leipziger Kinderbordells zu einer
ungewöhnlich niedrigen Freiheitsstrafe von nur vier Jahren verurteilt. Der
sächsische Verfassungsschutz verdächtigt den Richter, dem
Bordellbetreiber Andreas W. eine geringere Haftstrafe angeboten zu haben, wenn
er Kunden des Kinderbordells - prominente Leipziger - im Prozess nicht nenne.
Andreas W., Bordellbetreiber - Milde Strafe für Bordellbetreiber In einer
Vernehmung sagte Andreas W., der Betreiber des Kinderbordells
»Jasmin«: »Das Gericht hatte großes Interesse daran,
dass in der Verhandlung keine 'dreckige Wäsche' gewaschen wird, ... dass
ich keine Angaben zur Kundschaft im Bordell machen durfte.« Ihm seien 12
Jahre Haft angedroht worden, wenn er die Freier nenne. Wenn er schweige,
bekäme er nur vier Jahre. Verbindungen zum Rotlichtmilieu Der Richter
erklärt Frontal21 gegenüber zu den Vorwürfen folgendes:
»Es ist dabei selbstverständlich zu keiner Auflage an den
Beschuldigten gekommen, die Kunden des Bordells nicht zu nennen.«
Außerdem läßt der ehemalige Richter wissen: »Ich hatte
während meiner richterlichen Tätigkeit keinerlei private Kontakte zum
Leipziger Rotlichtmilieu.« Ermittlungen verhindert Im Bericht des
Landesamtes für Verfassungsschutz heißt es hingegen, Richter N.
»habe darauf hingewirkt, dass gegen W. ein deutlich geringeres
Strafmaß verhängt wurde, als ursprünglich vorgesehen ... Auf
diese Weise habe N. den W. 'ruhig'stellen und verhindern wollen, dass W. andere
hochrangige Personen und N. selbst im Zusammenhang mit dem ehemaligen
Kinderbordell von W. belastet.« Im Dossier des Verfassungsschutzes werden
Richter N. und der leitende Staatsanwalt R. verdächtigt, Kunden des
Kinderbordells »Jasmin« gewesen zu sein. Jener Staatsanwalt R.
leitete 2002 Ermittlungen gegen die Leipziger Kriminalbeamten ein - etwa zu der
Zeit, als Wehling und seine Fahnder auf das Kinderbordell »Club
Rose« stießen. Wehling wurde vorgeworfen, einen Verdächtigen
nicht verhaftet zu haben. Etwa fünfzig (!) Beamte des Landeskriminalamts
(LKA) durchsuchten das Kommissariat 26 und Wehlings Wohnung. Die Folge:
Wehlings Kontaktpersonen in der kriminellen Szene wurden enttarnt, weitere
Ermittlungen unmöglich gemacht. Wehling und zwei seiner Kollegen wurden
neun Monate vom Dienst suspendiert. Heute sind sie zwar rehabilitiert, aber
ihre damalige Ermittlungsarbeit wurde zerstört. »Den wollten sie
abservieren« Beamte des LKA sollen zudem versucht haben, Zeugen unter
Druck zu setzen, um Belastendes gegen Kriminalkommissar Wehling in die Hand zu
bekommen. Der Drogenkurier Frank Fritzsche, Informant Wehlings gegen einen
holländischen Drogenring, erklärt an Eides Statt, dass LKA-Beamte ihn
zu Aussagen gegen Wehling nötigen wollten: »Das Angebot bestand
darin, dass ich die Leipziger Beamten belasten sollte«, erklärt
Fritzsche im Interview mit Frontal21. »Im Gegenzug wäre es
möglich geworden, dass ich ins Zeugenschutzprogramm komme und dass man
auch mit der Strafhöhe was tun könnte.« Fritzsche weigert sich,
Belastendes gegen Wehling auszusagen. Der Drogenkurier bekommt keinen
Zeugenschutz, wird wegen Einfuhr von Drogen zu eineinhalb Jahren Haft
verurteilt. Fritzsches Fazit: »Für mich steht fest: Den Herrn
Wehling von der Kripo Leipzig, den wollten sie abservieren.« Das
Landeskriminalamt bestreitet auf Nachfrage von Frontal21, dass seine Ermitttler
Fritzsche unter Druck gesetzt hätten. Ein Verfahren gegen die beiden
beschuldigten LKA-Beamten sei 2003 eingestellt worden. Fritzsche bleibt bei
seiner Darstellung. Bittere Bilanz Alle Ermittlungsverfahren gegen Wehling und
seine Fahnder wurden eingestellt. Der Kriminalhauptkommissar zieht eine bittere
Bilanz: »Es ist im Freistaat Sachsen nicht gewollt, Organisierte
Kriminalität in diesen Dimensionen zu bekämpfen ... Man hatte
gemerkt, wir sind so nahe dran, hier muß irgendwie was passieren.«
|