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Im Rahmen des internationalen Kolloquium über "Home Education" in Reims hielt Dr. Robert Bell, Vizepräsident des effe (European Forum for Freedom in Education), eine Rede, in der er die Entstehungsgeschichte dieser Organisation und seine Aufgaben dort skizziert. Ursprünglich trat das effe nur für die Freiheit von Schulen ein. Doch dank des Engagements von Jennifer Fandard von "Les enfants d´abord" steht seit einiger Zeit auch Homeschooling auf dem Programm des effe. Für Dr. Robert Bell, der als Brite die selbstverständliche Anerkennung von "Home Education" als alternativen Bildungsweg kennt, ist dies eine stimmige Erweiterung der Arbeit des effe.
Ich freue mich sehr, daß ich das “Europäische Forum für Freiheit im Bildungswesen” heute bei diesem Treffen vorstellen kann.
Unsere Organisation war im wesentlichen ein Produkt des Falles des “Eisernen Vorhanges” zu Beginn der 90er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Damals trafen sich einige Pädagogen aus Deutschland mit Kollegen in Ungarn, um dieses Forum zu begründen. In der Folge entwickelte sich die Bewegung weiter und konnte im Laufe der Zeit neue Mitglieder aus ganz Europa gewinnen.
Ursprünglich war das Hauptziel, Schulen in Osteuropa zu helfen, sich an eine neue Situation anzupassen, in der sie nicht mehr den autoritären Regimes unterworfen waren, die bisher das Bildungswesen kontrolliert hatten. Insbesondere die Steiner-Waldorf-Bewegung war bestrebt, ihre Ideen in den eben befreiten Staaten zu verbreiten, aber später kamen andere alternativ-pädagogische Bewegungen hinzu – Montessori, Jena-Plan, Freie Schulen usw. Aber sie erhielten auch Unterstützung von den kleinen Schulen in Dänemark und Schweden. Die Behauptung, daß das Forum sehr auf Schulen bezogen war und wenig Interesse an Homeschooling oder Entschulung zeigte, ist durchaus zutreffend. Das rührte zum Teil daher, daß die meisten seiner Gründer Deutsche waren und daß Deutschland immer noch ein Land ist, in dem die Annahme, daß Kinder in die Schule gehen müssen, weit verbreitet ist.
Als sich die Organisation weiterentwickelte, wurde jedoch mehr Betonung auf die grundlegenden Prinzipien von Bildungsfreiheit gelegt, wie auch auf die Deklarationen der Vereinten Nationen und des Europarates zu diesem Thema. Diese sind darauf ausgerichtet, dem Recht der Eltern, über die Art der Bildung und Erziehung ihrer Kinder selbst zu entscheiden, mehr Nachdruck zu verleihen, und das hat eindeutig eine große Bedeutung für die Frage der Bildung zu Hause. Wenn sich Eltern entscheiden, ihre Kinder außerhalb von Schulen lernen zu lassen, dann sollten sie die Erlaubnis erhalten, dies zu tun.
Diese neue Gewichtung bedeutete auch, daß das Forum ein lebhaftes Interesse für die Sichtweisen von Minderhieten annahm – ethnische, sprachliche, religiöse und pädagogische Minderheiten – und für das Recht der Eltern, eine Bildung und Erziehung zu wählen, in der sich ihre eigene Kultur widerspiegelt. Seitdem ich Vizepräsident wurde, hatte ich besondere Verantwortung für Fragen der Minderheiten. Ich mußte beispielsweise in die Slowakei reisen, wo unter der früheren, extrem nationalistischen Regierung die ungarische Minderheit einer ganzen Reihe von pädagogischen Beschränkungen unterworfen war, was einen Versuch darstellte, ihre eigenständige Kultur auszulöschen. Aber ich besuchte auch ein deutsches Gymnasium in Dänemark und ein dänisches Gymnasium in Deutschland, zwei Beispiele, die von größerer Toleranz zeugen. In meinem Heimatland war ich indessen darin einbezogen, gegen den Versuch der Regierung zu kämpfen, die berühmte, von A.S. Neill gegründete Experimental-Schule Summerhill zu schließen, und in eine erfolgreiche Bemühung, die Regierung davon zu überzeugen, daß sie muslimische Schulen in gleicher Weise finanziert wie die vielen Staatsschulen, die von der “Church of England” betrieben werden, und wie römisch-katholische Schulen.
Ich erwähne diese Beispiele unserer Arbeit, an der ich teilhatte, einfach deshalb, um den weiten Bereich darzustellen, den die Arbeit des Forums heutzutage umfaßt. Für mich hat es den Anschein, daß wir uns gleichermaßen daran beteiligen sollten, das Recht der Eltern zu verteidigen, damit sie ihre Kinder zu Hause oder in einem Verbund mit anderen Eltern lernen lassen können. Dies erscheint eine logische Folgerung, wenn man die verschiedenen Deklarationen zur Bildung und Erziehung befolgt, die von den Vereinten Nationen, vom Europarat und von der Europäischen Union abgegeben und von unseren Ländern akzeptiert wurden.
Das Forum ist auch eine weithin anerkannte Nicht-Regierungs-Organisation, die Zugang zu Regierungen und internationalen Organisationen hat. Lies Feron, die gleich sprechen wird, ist nun unsere Vertreterin in Brüssel und behält die neuesten Diskussionen und Entscheidungen im Auge, welche das Bildungswesen betreffen können.
Ich muß jedoch eine Warnung erteilen: Wir sind bereit, dafür zu kämpfen, daß die Rechte der Eltern so respektiert werden, wie es in den internationalen Vereinbarungen versprochen wurde, aber wir sind uns auch dessen bewußt, daß andere internationale Vereinbarungen auch die Rechte des Kindes betreffen. Viele Politiker und Behördenvertreter, die sich gegen Homeschooling aussprechen, machen dies aufgrund dessen, daß nicht alle Eltern gleichermaßen fähig sind, für die Bildung ihrer Kinder zu sorgen, und daß viele zu träge und zu ignorant dafür sind. Es ist offenkundig, daß viele Eltern ihre Kinder einfach nicht in die Schule schicken und nichts dafür tun, um ihnen stattdessen etwas anderes zur Verfügung zu stellen. Andere Behördenvertreter argumentieren, selbstverständlich, aber weniger überzeugend, daß Kinder der sozialen Erfahrung in der Schule nicht entzogen werden dürfen, und dies war schon immer ein geläufiges Argument gegen “Home Education” in England.
Ich bin bestrebt, einen Punkt klarzustellen: Falls Sie wünschen, daß wir Ihren Fall in Deutschland, Frankreich oder sonstwo verteidigen helfen, müssen Sie darauf vorbereitet sein, gewichtige Gründe für die Qualität dessen, was Sie machen, anzuführen. Es reicht nicht aus, daß Sie sich einfach auf Ihr Elternrecht berufen, um ihr Kind von der Schule fernzuhalten. Sie müssen beweisen, daß Sie mit Ihrer Methode, ganz abgesehen davon, daß dadurch dem Kind nicht geschadet wird, für eine gute Bildung sorgen. Ich weiß, daß Ihnen all dies bewußt ist, aber ich muß Sie einfach warnen, daß es in Organisationen wie der unseren andere Leute gibt, selbst liberal eingestellte, die den Anspruch erheben, daß sie an die Freiheit der Bildung glauben, aber immer noch glauben, daß Kinder in die Schule gehen müssen. Tatsächlich gibt es einige Leute in unserer eigenen Organisation, die bereitwillig für ihre eigene Freiheit und diejenige von Menschen mit anderen pädagogischen Überzeugungen eintreten werden, insgeheim aber nicht nur glauben, daß alle Kinder Schulen besuchen sollten, sondern daß sie Schulen besuchen sollten, die gänzlich nach ihren persönlichen Idealen geführt werden.
Ich denke, daß es ein gesunder Prozeß ist, daß Sie die Vorherrschaft des Schulunterrichts in Frage stellen. In England will uns die Regierung jetzt weismachen, daß Kindern nur dann beigebracht werden kann, erfolgreich zu lesen, wenn sie von geübten Lehrern in einer bestimmten Weise darin unterrichtet werden. Mein eigener Sohn und seine finnischen Cousins brachten sich das Lesen selber bei, bevor sie in die Schule kamen, und sind nicht schlecht darin. Ich glaube nicht, daß irgendeine Form der Bildung absolut perfekt ist, und ich glaube, daß wir alle etwas voneinander lernen können. Und falls Sie unsere Hilfe im Umgang mit der Regierung brauchen, sind wir bereit, Sie zu unterstützen.
Die Person, die am meisten dazu beigetragen hat, daß Homeschooling in unser Programm aufgenommen wurde, ist Jennifer Fandard, und wir hoffen, daß sie weitere effe-Mitglieder in Frankreich gewinnen kann. Wir brauchen sie dringend.
Unsere Organisation hat viele sehr aktive Mitglieder, besonders in der Schweiz und in Österreich. Beispielsweise organisiert effe Österreich eine Aktion, bei der eine Fackel für die Freiheit im Bildungs-wesen von Wien nach Helsinki getragen wird, rechtzeitig zu unserem Kolloquium dort im Juni. Sie sind willkommen dort mit anzusehen, wie die Fackel ankommt, und falls Sie Probleme haben, können Sie uns diese dann schildern.
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