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Über Theorie und Praxis erfolgreichen
Präsentierens
Wer kennt sie nicht, Vorträge und
Präsentationen mit Overheadprojektor oder Beamer. Im Grunde eine gute
Sache, nur allzu oft schlecht eingesetzt. Im Geschäftsbereich werden
inzwischen 95% aller Präsentationen mit dem Programm Power Point gemacht.
Aber 95% der guten Präsentationen verzichten darauf.
Es
gibt einen Leitsatz, den kann man in fast jedem Rhetorikbuch nachlesen:
"Sprechen Sie während ihrer Präsentation einen zusätzlichen
Sinneskanal an. Dadurch erhöht sich die Behaltensquote und die Wirkung der
Worte steigert sich." Also, wenn Sie zur gesprochenen Sprache (Sinneskanal Ohr)
noch einen Text oder Grafik sehen (Sinneskanal Auge) dann wird's automatisch
besser. Seit 1968 der erste Overheadprojektor auf der Bildungsmesse
"Didacta" vorgestellt wurde, hatte man ein wunderbares Vehikel gefunden, diesen
Lehrsatz in die Praxis umzusetzen. 1987 erwarb Bill Gates die Rechte an
Powerpoint, das Programm, das langsam den Overheadprojektor verdrängt und
das heute 95% des Präsentations-Softwaremarktes beherrscht. Egal in
welchem Umfeld, praktisch überall wird mit dem Flagschiff von Microsoft
präsentiert. Mit einem Beamer erscheint dann die Grafik der letzten
Umsatzzahlen. Die neue Strategie der Marketingabteilung. Die Umsetzung der
neuesten Restruktrierungsmassnahme. Die schematische Darstellung eines
technischen Vorgangs....
Am 28 Juli 1963 stieg ein Mann vor
dem Kapitol in Washington auf eine Rednertribüne vor über 250'000
versammelten Menschen und erhob seine Stimme. Es wurde eine der grössten
Reden des Jahrhunderts. Der Name des Mannes war Martin Luther King, der
charismatische Schwarzenführer, der durch seinen gewaltlosen Kampf die
Rassentrennung in Amerika zum Verschwinden brachte. Im nachhinein gab man
seiner berühmtesten Rede einen Namen: "I have a dream" Mit flammender
Stimme beschrieb Martin Luther King, eingeleitet durch den immer selben
Satzanfang "I have a dream", sein Amerika der Zukunft. Nur wer diese Rede
einmal im Fernsehen gesehen hat, kann die Ehrfurcht gebietende Wirkung seiner
Worte von damals nachempfinden. Stellen wir uns doch einmal folgendes
Szenario vor. Schon damals hätte es Powerpoint gegeben und Martin Luther
King hätte zur besseren Deutlichmachung seiner Botschaft auf einem Riesen
Bildschirm seine Kernaussagen mit Powerpoint unterstützt. Das hätte
dann in etwa so aussehen können: Natürlich wären die Texte,
unter Ausnutzung aller spielerischen Möglichkeiten dieses Programms in
Farbe von links nach rechts wie von Geisterhand auf dem Bildschirm
eingeschwebt. 250'000 Menschen hätten bereits vorher gelesen, was Herr
Luther danach noch einmal fast wörtlich wiederholt hätte... seine
sonst bildhafte Sprache hätte sich notgedrungen an den Akademikertext auf
der Folie angepasst. Sie können sicher sein, dass sich die Wirkung einer
der grössten Reden der Menschheit um den Faktor Zehn verschlechtert
hätte! Ich vermute, nach so einer mit Powerpoint unterstützen Rede
hätten wir wahrscheinlich noch heute die Rassentrennung in den USA. An
Hand dieser Jahrhundertrede wird ein Wirksamkeitsprinzip von Reden deutlich: Es
geht gar nicht um den INHALT ihrer Rede. Das ist nur ein Wunschdenken der
meisten Redner. Man hat getestet, was den Menschen vom Inhalt einer
Präsentation bleibt. Es sind magere 7 Prozent! Rückgerechnet auf die
Rede von damals würde es so aussehen: Von den 250'000 versammelten
Menschen hätte, wohlwollend gerechnet, weniger als 1% der Anwesenden
danach noch alle seiner insgesamt sieben Traumvisionen zusammenfassen
können.
Es
gibt einen Irrtum, der sich hartnäckig in den Köpfen der meisten
Rhetoriktrainer hält. Es ist nicht der transportierte Inhalt, der für
die Wirkung entscheidend ist. Entscheidend ist, das Gefühl, dass dieser
Inhalt bei den Menschen auslöst. Nur darum geht es. Martin Luther King hat
Gefühle ausgelöst, es ist völlig unwichtig, wie viel Details der
Rede die Zuschauer behalten. Durch Powerpoint erkaufen Sie sich eine
minimale Zunahme der Behaltensquote durch einen dramatischen Abfall der
ausgelösten Gefühle. Tatsache ist: Sie ENTWERTEN eine Aussage,
wenn Sie noch einmal als Text zu sehen ist. Text auf Folie verhindert
Gefühle. Text auf Folie tötet Spannung, Text auf Folie verhindert
Wirkung, das ist die Realität und alles andere ist gut klingende Theorie.
Und Powerpoint ist der dominierendste Protagonist dieser
Wirkungs-Verhinderung-Schlachten. Viele meinen mit Grafiken, schematischen
Darstellungen und Bildern wäre es aber etwas anderes. Leider Nein! Denn
Text tötet Spannung, auch wenn er für beschriftete Diagramme oder
beschriftete Bilder herhält. Die glühendsten Verfechter von
Powerpoint sind meistens nur die Referenten, nicht aber die Zuhörer. Wann
immer mir einer meiner Teilnehmer von einem Redner erzählt, der ihn
begeistert habe, frage ich nach, ob er mit Powerpoint gearbeitet hat. Das
Ergebnis: In 95 von 100 Fällen hatte er frei geredet -- ohne
Powerpoint. Menschen überzeugen, nicht technische Hilfsmittel
Natürlich gibt es Ausnahmen. Redner, die trotz Powerpoint eine gute Rede
halten. Aber das ist so ähnlich wie das Anlegen des Sicherheitsgurtes beim
Auto. Nur weil in 5 von 1000 Fällen das Nicht Anlegen eines
Sicherheitsgurtes dem Fahrer das Leben gerettet hat, rechtfertigt es noch lange
nicht, dass man auf Sicherheitsgurte prinzipiell verzichten sollte. Nur weil
einer mal mit Powerpoint eine gute Rede gehalten hat, rechtfertigt es noch
lange nicht, dass man prinzipiell mit Powerpoint arbeiten sollte.
Wenn Sie Powerpoint benutzen sind die Augen des Publikums starr auf
die Leinwand gerichtet, der Mensch unterliegt einem Lesezwang - Sie können
den Redner eigentlich wegräumen. Das Problem ist, dass die Rede in
eine Struktur gezwängt wird, die dem natürlichen Redefluss entgegen
wirkt. Die Rede wird in einzelne kleine Häppchen geteilt Powerpoint
verleitet zur Substantivierung und zum Formulieren von Wortmonstern, die nur
noch vom Verstand verarbeitet werden, aber das Gefühl nicht mehr
ansprechen. Das, was Sie normalerweise mit einem Verb ausdrücken, wird in
Powerpoint zu einem Substantiv. Die zwei in der Umgangssprache frei
gesprochenen Sätze: "Der Regensensor erkennt ob's regnet und macht den
Scheibenwischer an. Der Regensensor erkennt wie viel es regnet und macht den
Scheibenwischer schneller" werden unter Powerpoint zu
Substantiv-Schlagwort-Sätzen zerstückelt.
Jetzt passiert beim Vortrag leider folgendes. Der Redner, der die
Charts als sein Stichwortzettel benutzt, liest, bevor er spricht, mit einem
Blick diesen Satz. Die Formulierung auf der Folie wandert in sein
Kurzzeitgedächtnis und es ist ihm fast unmöglich, das noch in
anschauliche Alltagssprache zu übersetzen. Also liest er mehr oder weniger
brav diesen Katastrophensatz ab. Spätestens nach fünf solcher Folien
hört Niemand mehr im Raum zu. Teilnehmer aus meinen Seminaren haben mir
Powerpoint-Folien mitgebracht, wo 126 (!) solcher Horrorfolien hintereinander
gezeigt wurden. Wenn man sich klar macht, dass Microsofts PowerPoint in
mehreren hundert Millionen mal weltweit verkauft wurde, können Sie davon
ausgehen, dass die Menschheit monatlich mit mehreren Milliarden solcher Folien
zum Einschlafen gebracht wird.
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Charts als
Stichwortzettel |
Ich habe mal ein hypothetisches Szenario aufgestellt. Ein Manager hat
bei so einer Präsentation 50 Führungsleute während zwei Stunden
im Saal sitzen. Die Information rauscht auf nimmerwiedersehen durch das
Kurzzeitgedächtnis durch - Die Gedanken schweifen nach 10 Minuten zum
Feierabend - Motivation wird nicht aufgebaut, sondern vernichtet. 50
Führungsleute während zwei Stunden kostet einer Firma runde 7'000.-
Euro. Nicht gezählt, die Arbeit, die in dieser nutzlosen Zeit liegen
geblieben ist. Wenn man einmal annimmt, dass pro 100 Mitarbeiter
wöchentlich fünf solcher Vorträge gehalten werden, und das
multipliziert mit den rund 38 Millionen Beschäftigten in Deutschland, dann
wird dort Deutschlandweit ein Betrag von 1,6 Milliarden Euro verpufft. . Jede
WOCHE! Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr.
Eigentlich wäre es volkswirtschaftlich sinnvoll, Powerpoint und
Fertigfolien zu verbieten. Es würde den einzelnen Firmen Millionen sparen
und der Volkswirtschaft Milliarden Zugewinne bringen. Man könnte statt
einen Feiertag zu kürzen, sofort einen neuen zusätzlichen Feiertag
einführen. Ich schlage einen "Powerpoint -Gedenk-Tag" vor.
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