Jugoslawiens Expräsident will 1400 Zeugen vor
Tribunal laden. Anklagen als »offenkundige Lügen« bezeichnet
Zum ersten Mal nach mehr als drei Monaten mußte
der frühere jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic wieder
vor dem UN-Tribunal in Den Haag erscheinen. Gleich zu Beginn
der Sitzung am Donnerstag, bei der er das Konzept seiner
Verteidigung darlegen sollte, nannte Milosevic die Anklagen
»offenkundige Lügen«. Das einzige Mittel gegen falsche
Vorwürfe bestehe darin, »die Wahrheit zu präsentieren«. Der
Vorsitzende Richter Patrick Robinson unterbrach Milosevic
harsch und erklärte, es sei nicht vorgesehen, während der
Anhörung eine politische Rede zu halten.
Milosevic muß
am 5. Juli mit seiner Verteidigung beginnen. Er will etwa 1
400 Zeugen in eigener Sache heranziehen. Richter Patrick
Robinson teilte gestern mit, die Kammer werde »die Zahl der
Zeugen nicht begrenzen«, vielmehr würden sie nach ihrer
Relevanz zugelassen oder abgelehnt. In jedem Fall müßten sie
an den vom Gericht festgelegten 150 Verhandlungstagen gehört
werden. Der Anklageseite wurden in der ersten Prozeßhälfte
doppelt so viele Prozeßtage eingeräumt.
Milosevic
kritisierte scharf die kurze Zeit, die ihm zur Vorbereitung
seiner Verteidigung bleibe, und beantragte – ohne Erfolg –
eine Verlängerung. Wie er die Auflagen der Richter erfüllen
solle, bleibe dahingestellt. Obwohl er jeden Arbeitstag voll
nutze, habe er erst an die zehn Zeugen treffen können. Er
halte es für unmöglich, wie gefordert, in den nächsten Tagen
die ersten 50 Zeugen nennen zu können.
Milosevic ist
wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die
Menschlichkeit während der Kriege in Kroatien, Bosnien und im
Kosovo in den 90er Jahren angeklagt. Er hob am Donnerstag
hervor, daß er nur einen Krieg im ehemaligen Jugoslawien sehe,
nämlich den eine Dekade andauernden Krieg gegen Jugoslawien.
Daher lehne er es strikt ab, die Verteidigung an Hand der drei
Anklagen (Kroatien, Bosnien und Kosovo) nach und nach
abzuhandeln. Auch diese Einwände wurden jedoch von den
Richtern abgeschmettert. Um den ehemaligen US-Präsidenten
William Clinton, Bundeskanzler Gerhard Schröder und andere,
wie es Milosevic nennt, »feindliche Zeugen« gerichtlich zum
Erscheinen zu zwingen, wurde dem Angeklagten auferlegt,
schriftliche Anträge zu stellen, was von diesem direkt
abgelehnt wurde, da er das Gericht nicht anerkenne. Das Haager
UN-Tribunal sei ein Mittel der Kriegführung gegen sein Land,
erklärte Milosevic, wiederholt unterbrochen von Richter
Robinson. |